Googles Netbook Betriebssystem “Chrome OS”

Irgendwie irgendwo hat irgendwer von/bei Google gebloggt, dass Google ein Betriebssystem für Netbooks (http://de.wikipedia.org/wiki/Netbook) herausbringen will. Seitdem geht diese Nachricht durch alle wichtigen Internetseiten. Das Besondere an “Chrome OS” wird sein; es ist gratis, soweit ich das richtig verstanden habe auch Open Source und es basiert auf Googles eigenem Open Source Browser “Chrome”. Das ganze Betriebssystem soll eigentlich primär nur eins können: Im WWW surfen. Und sämtliche Applikationen sollen dann online sein (http://de.wikipedia.org/wiki/Webanwendung ). Der letzte Teil ist gar nicht so dumm, denn für mehr als surfen und evtl. Fotos aus der Digitalkamera hochladen und Videos in niedriger Auflösung gucken reicht die Leistung von Netbooks kaum aus. Zudem haben die meisten auch kein DVD-Laufwerk. Kurz: Für das, was ein Netbook kann, reichen Webanwendungen aus.

Aber den Plan von Google, ein Betriebssystem rauszubringen, den halte ich an sich schon für fragwürdig.

Warum?

Nun, fangen wir mit der Ankündigung an. Chrome OS soll schon 2010 erscheinen. Wenn es auf dem Browser Chrome basiert, dann geh ich mal davon aus, dass die Entwickler nicht vor 2006 angefangen haben, daran zu arbeiten. Vermutlich sehr sehr viel später, weil Netbooks ja erst 2008 populär wurden (dazu später mehr). Jedes der drei nennenswerten Betriebssysteme für Privatnutzer (Windows, Linux, MacOS) ist mindestens 20 Jahre alt. Über zwanzig Jahre Forschung und Entwicklung. In jedem. Und keins davon ist perfekt, eins weniger als das andere. Und Google will aus Chrome Browser ein Betriebssystem stricken, das etwas taugt, in … ähm … zwei bis vier Jahren? Nein, ich glaub das nicht.

Und da bin ich beim nächsten Punkt meiner Bedenken: Chrome Browser. Wer nutzt den? Wer kennt den überhaupt? Die wenigen, die den kennen, haben den installiert, ein bissl rumgeklickt, und nach zwei Tagen festgestellt: “Hm ja, ist ‘n Browser. Besser als IE 6, aber halt kein Firefox”. Angeblich ist Chrome unter der Haube ja sehr elegant und ehrenkodexmässig programmiert. Die Benutzerschnittstelle bietet jedoch nichts neues oder notwendiges, was IE8 oder Firefox 3.5 nicht auch bieten. Ach, und dann gibt’s da ja noch Safari 4. In einem Satz – niemand will Chrome. Also will auch niemand Chrome OS. Hat keiner verlangt, braucht kein Mensch. Was ist der Vorteil von Chrome OS für den Benutzer?

Es ist gratis. Es macht das Netbook billiger. Oder auch nicht, vielleicht bleibt der Preis gleich, und der Hersteller macht ein paar Euro mehr Gewinnmarge, weil er keine Windows 7 Lizenz zahlen muss.

Überhaupt. Der Netbookmarkt. Die optimistischste Zahl, die ich gefunden habe, besagt, dass 2,2 Millionen Netbooks im Jahr 2008 verkauft wurden. Im Jahr 2013 sollen 39 Millionen Netbooks im Einsatz sein. Dem gegenüber stehen 400 Millionen richtige Notebooks, PCs und Macs. Wenn Google also – wie auf vielen Webseiten vermutet – Microsoft eins auswischen will, dann doch bitte nicht im Netbookmarkt. Das ist eine Nachkommastelle in Steve Ballmers Bilanz.

Google ignoriert nicht nur, dass Chrome keine breite Akzeptanz findet, sondern auch, das eine zunehmende Anzahl an Internetusern Google misstraut und der Meinung ist, der Suchmaschinenprimus weiß eh schon zu viel. Die ganzen Webdienste, allen voran die Suche, wird noch von den mehr oder weniger kritischen Anwendern genutzt. Die Psychologie ist, dass innerhalb des Browsers (und bei diesen Diensten) ja noch nicht viele Daten preisgegeben werden, die schützenswert sind und/oder geheim belieben müssen. “Soll Google doch ruhig wissen, wonach ich gesucht hab” ist die Einstellung der meisten. Aber ob der gebildete Anwender Google “aus dem Browser herauslassen” würde? Ich kann das nicht hinreichend genau abschätzen, aber ich selbst würde keinem Googlebetriebssystem trauen. Und als gelassener Windows-User bin ich wirklich nicht paranoid.

All diese Bedenken bringen mich zu der Frage (die ich mir bei Googles Chrome auch schon hätte stellen können): Was bezweckt Google damit? Chrome OS wird gratis sein, also kann man kein Geld damit verdienen. Die Google Suche ist gratis, aber weil sie milliardenfach genutzt wird, verdient Google Billionen an Werbeeinnahmen. Chrome OS wird aber nicht dazu führen, dass mehr Menschen mehr Googledienste wie die Suche in Anspruch nehmen und damit messbar mehr Google Werbeanzeigen anklicken und Google mehr Geld verdient. Warum also? Warum das Rad neu erfinden, wenn es keiner will, keiner braucht und auch nie Geld einbringen wird?
Weil Google es kann? Na ja, das wird sich zeigen – ich bezweifle das.

Am Ende sehe ich nur einen Grund dafür: Um Microsoft zu ärgern. Warum auch immer (da könnte man jetzt ausschweifend spekulieren).
Aber ein freies Betriebssystem für Netbooks würde Microsoft dazu zwingen, seine Preise zu senken, wenn man dort den Marktanteil von 70% im Netbookmarkt halten will. Wenn man will. Kleinvieh macht auch Mist, und 70% von 39 Millionen sind eine Menge Windowslizenzen. Ich gehe mit dieser Theorie sogar soweit, dass Google mit Netbookherstellern heimlich gemeinsame Sache gegen den “Feind” Microsoft macht. Das ChromeOS nie kommen wird, oder nix taugt, und die Ankündigung seines Erscheinens primär dazu dient, Microsoft bei den Preisverhandlungen unter Druck zu setzen.

Man wird sehen. Vielleicht muss ich 2010 einen Eintrag bloggen, indem ich bekenne, dass ich mich geirrt habe.

Der Autor dieses Artikels hier ist ziemlich genau anderer Meinung als ich (englisch): http://thenextweb.com/2009/07/08/prediction-google-apple-war/

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7 Kommentare zu “Googles Netbook Betriebssystem “Chrome OS””

  1. Katrin
    9. Juli 2009 um 10:14

    und was interessierts dich?
    Du findest Netbooks doch sowieso “unpraktisch”
    Du wirst also nie in die Versuchung kommen das zu haben.

  2. Matthias
    9. Juli 2009 um 10:36

    Ja und? Ich kann mich doch trotzdem für Geschäftsmodelle von Google interessieren? Und vor allem, ich hoffe ja mal, dass andere Leser an meinen Gedanken und Thesen interessiert sind. ;-)

  3. ChiefBroady
    9. Juli 2009 um 11:22

    Soweit ich das gelesen habe, basiert Chrome OS auf einem Linux-Kernel. Hat also ebenfalls die 20 Jahre Entwicklung dabei. Außerdem sollt es in wenigen Sekunden starten. Und mit Google-Gears kannst du alle deine Online-Sachen die drauf optimiert sind, auch offline nutzen und wenn du wieder Online bist wird’s synchronisiert.

    Wenn iTunes auf Chrome OS läuft, könnte ich mir vorstellen, das auf mein Netbook zu machen. Alleine schon weils schneller startet.

    Google schließt übrigens nicht aus, dass das System nicht auch auf Desktops zum Einsatz kommen wird. Es wird nur erstmal für Netbooks optimiert.

  4. Matthias
    9. Juli 2009 um 11:29

    Soweit ich das gelesen habe, basiert Chrome OS auf einem Linux-Kernel. Hat also ebenfalls die 20 Jahre Entwicklung dabei.

    Wenn dem so wäre, dann finde ich das ganze Medienecho beinahe lächerlich. Dann müsste die Verlautbarung ja korrekterweise heißen “Google bringt eine eigene Linuxdistribution”. Dann darf jeder einzelne sich fragen, ob das überhaupt der Rede wert ist.

  5. ChiefBroady
    10. Juli 2009 um 09:59

    Jau.

  6. Matthias
    25. November 2009 um 17:34

    Aha, nachdem jetzt die ersten Pre-Alpha Previewvideos und Konzeptvideos durchs Netz schwirren, wird mir auch der Sinn klar: In Googles Chrome OS kann man keinen Adblocker installieren, der Google Werbung (Adsense, Adwords) deaktiviert. Und schon macht das ganze Sinn.

  7. Matthias
    30. Januar 2011 um 14:17

    Witzig ist auch, wie sich Chrome entwickelt hat. Damals wollte ich den nicht. Mittlerweile habe ich nur noch Chrome im Einsatz. Auf dem Laptop Rockmelt und Chromeplus, am Desktoppc chrome von Google.

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