Tabuthema
Wen man gewählt hat. Ich bin – das kann ich hier mal wertfrei so schreiben – in einem konservativen Haus mit evangelischen Eltern und teils katholischer Verwandtschaft aufgewachsen. Wann immer ich mitbekommen habe, dass meine Eltern gewählt haben (was mir als Kind damals natürlich eher unterhaltsam als wichtig erschien) habe ich gefragt, wen meine Eltern gewählt haben. Meine Eltern haben es mir nie verraten. Wahlgeheimnis. Habe ich als Kind nicht verstanden, zumal ich nicht den Eindruck hatte, dass meinen Eltern das Wahlrecht sonderlich wichtig zu sein schien.
Mittlerweile bin ich fast 30, und habe selber einige Male gewählt. Regional, kommunal, national. Ursprünglich habe ich aus Tradition für mich behalten, wen ich gewählt habe. Innerhalb der letzten Jahre ist es für mich aber zur Überzeugung geworden, die geheime Wahl auch wirklich geheim zu halten. Ich werde niemandem sagen, wen ich gewählt habe, und vor allem – ich will auch von keinem wissen, was er/sie angekreuzt hat. Was, wenn sich rausstellt, dass mein bester Freund sein Kreuz bei einer Partei gemacht hat, die ich absolut verachte und für alles Schlechte in dieser Welt verantwortlich mache? Oder mein Großvater die NPD? Oder meine Freundin ihre Stimme für die Tierschutzpartei verschwendet?
Ich bin nicht sehr stark politisch interessiert, aber ich habe meine Meinung. Und ich muss auch jedem anderen seine Meinung zugestehen. Und damit ich meine Freunde und Verwandte nicht plötzlich in einem anderen Licht sehe, nur weil sie dieses Mal eine andere Partei gewählt haben und um Streitigkeiten zu vermeiden, lege ich mir und meinen Mitmenschen ein Schweigegelübde bezüglich der Wahl auf. Oh ja, Politik kann man sehr kontrovers diskutieren. Das kann einen ganzen Abend versauen.
Und noch etwas unterscheidet mich (glaube ich zumindest) von meinen Eltern. Ich sehe “wählen gehen” nicht nur als Recht an, sondern als eine Bürgerpflicht. Andererseits würde ich einigen soziodemografischen Gruppen das Wahlrecht entziehen. Und den Führerschein. ;-)

