Man kann Anzüge in der Waschmaschine waschen

Und zwar so, dass man sie danach nicht wegschmeißen muss. ;-)

Das Problem: Gute Anzüge bestehen aus empfindlichen Naturfasern, und sind auch noch relativ teuer. Diese Naturfasern – außen meistens Schurwolle, innen Seide, Viskose o.ä. – sollen nicht mit Wasser und normalem Waschmittel gewaschen werden. Deswegen gibt Mann seine Anzüge in die Chemische Reinigung, wo die in einer Art Waschmaschine mit Chemikalien bedampft werden und danach mit einem Lösungsmittel abgespült werden.

Das hat drei Nachteile:

  1. Wirklich gesund wird das nicht sein – weder für den Mensch noch für die Anzüge
  2. Wer wie ich beruflich nur Anzug trägt, der muss quasi wöchentlich zur Reinigung fahren – das kostet im Monat schon richtig Geld
  3. Das schlimmste: Die Anzüge sind zwei Tage weg, und müssen gebracht und geholt werden. Wer netto 40 Stunden arbeitet, hat da kaum Zeit für – zumal die  meisten Reinigungen Samstags gar nichts reinigen.

Also habe ich viel recherchiert, und gestern einen Selbstversuch gewagt. Ob des Anschaffungspreises meines Anzuges war ich natürlich nervös, und ich gebe hier niemandem die Garantie, dass es bei ihm so klappt. Nachahmung auf eigene Gefahr – aber bei mir ist rein gar nichts passiert.

Also, folgendes ist zu beachten:

  1. Kein Buntwaschmittel, sondern Wollwaschmittel. Wolle (und andere Naturfasern) bestehen zum Teil aus Eiweißen, die von herkömmlichen Waschmitteln zersetzt werden. Der Anzug wird flauschig, verknittert und verzieht sich. Und wird irgendwann (wenn man den wöchtenlich selber wäscht) zerstört sein. Ich benutze Perwoll, das hat geklappt.
  2. Keinen Weichspüler. Nicht gut für die Fasern, und außerdem ist ein Anzug ein Anzug, kein Kuschelpulli.
  3. Waschen: Unsere Waschmaschine hat einen super-empfindlich-Schonwaschprogramm. Das bedeutet, ganz geringe Schleuderzahl (nur 600 Umdrehungen) und in Relation zur Waschmenge sehr viel Wasser. Der Anzug schwappt quasi in der Maschine.
    Den Anzug (maximal drei Teile) alleine waschen. Schützt sowohl vor Verfärbung, als auch vor „Materialabtrag“ durch andere Wäschestücke. Am besten auf links waschen.
    Maximal 30°C (klingt heiß, ist aber nur lauwarm. Probierts mal aus), mindestens 15°C (das Waschmittel muss sich ja auflösen und wirken). Ich nahm 30°, weil weniger kann unsere Maschine nicht. Naja – gar keine Temperatur, aber momentan hat unser Leitungswasser deutlich unter 10°C, das geht nicht.
  4. Trocknen: Nein. Wirklich: Nein. Trocknen ist der Hauptgrund, warum ein Anzug einläuft – und die Knitterfalten werden dadurch erst richtig „eingebügelt“. Schleudern muss schon, sonst ist der Anzug triefnass, und das ist nicht gut für die Schulterpolster. Schaumstoff vergammelt, wenn er nass ist. Danach einfach in einem warmen Raum zum trocknen aufhängen.
  5. Bügeln: Das war noch nie ein Problem, habe ich immer selber gemacht gehabt. Wir haben eine Dampfbügelstation; Stufe [··] und zügig gebügelt. Macht dann auch gleich die letzte Feuchtigkeit raus.

Ich mache ja momentan auch bei einem TRND Projekt mit, wo ich den Hygienespüler von Persil testen darf. Den habe ich auch benutzt, und wie es auf der Flasche steht, ist der für alle Textilien geeignet.

Nochmal der Hinweis: Ich kann nur bestätigen, dass das bei mir funktioniert. Ich habe sogar die Ärmel- und Beinlänge vorher und nachher gemessen, und die Differenz lag bei unter 5mm – also meiner Meßtoleranz. Wenn jemand das genauso nachmacht, und ihm wider Erwarten sein teurer Anzug auf Babygröße schrumpft und zudem die Farbe verliert – macht mich nicht dafür verantwortlich. Bei mir klappt das. Nie wieder Chemische Reinigung.

Update: Wer wie ich nach der Wäsche seinen Anzug gerne wieder ganz steif und akkurat haben möchte, der wird feststellen, das fast alle im Handel erhältlichen Wäschestärken und -steifen nicht für Schurwolle („chemisch zu reinigende Textilien“) geeignet sind. Ich habe eine gefunden, nämlich von Reckitt Bensinger die „Hoffmanns Wäschesteife„. Die kommt in die Weichspülkammer und macht die Kleidung einerseits auch wirklich fester und meine Anzüge vertragen die problemlos. Darf man allerdings nicht mit Persil Hygienespüler mischen, dann gibt es lauter weiße Klümpchen nachher. Und man muss da viel nehmen – da bei dem Schonwaschprogramm ja sehr viel Wasser in die Maschine gepumpt wird. Damit ist dann alles perfekt: Außen ist der Anzug stabil und korrekt wie Pappkarton, innen seidig.

11 thoughts on “Man kann Anzüge in der Waschmaschine waschen”

  1. Hallo,ganz herzlichen Dank für den Tipp.Habe vorige Woche den 800 Euro Frack meines Mannes nach der Anleitung gewaschen und es hat wirklich funktioniert.Da mein Mann Musiker ist und oft mehrere Stunden in dem Frack spielen muss,schaffte es die chemische Reinigung dann doch nicht mehr das Resultat der „schweißtreibenden“ Arbeit zu entfernen und somit war das gute Stück zum Fall für die Tonne geworden.Habe Perwoll flüssig genommen den Hygienespüler und das 30 Grad Programm für Feinwäsche.Das 600 Schleuderprogramm ließ ich nicht bis zum Ende laufen,war mir dann doch zu heikel,habe ihn recht nass nach draußen gehängt und nachdem das meiste Wasser rausgelaufen war hat meine Nachbarin ihn in ihren Wäscheraum gehängt, da lief gerade der Trockner und die Restwärme gabs dann in unserem Heizungskeller.Nach ein paar Tagen (nun war er wirklich trocken,auch die Schulterpolster) habe ich mich ans bügeln gewagt und auch das Ergebnis war super.Selbst die Bügelfalte und Satinstreifen an der Hose sowie das Seidenrevers – perfekt.Mein Mann ist begeistert und ich habe einen wunderschönen Blumenstrauß bekommen,was will man mehr,nochmals vielen Dank!

  2. Könnten Sie/sie — dies umfasst auch die Kommentatoren — noch ein paar Daten zu den gewaschenen Anzügen nennen? Denn Anzug ist nicht gleich Anzug, weshalb ich annehme, dass ein 60% Polyesteranzug und 40% Schurwolle wohl ein anderes Waschverhalten an den Tag legt als ein Anzug mit 95% Kaschmir und 5% Polyester.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Dominik RUTSCHMANN

  3. Polyesteranzüge kann man grundsätzlich in der Maschine waschen. Und wenn die dabei einlaufen – na ja, dann ab in den gelben Sack damit. Kostet ja nur 30 Euro. *fg*

    Im Ernst: Polyester und Baumwolle sind waschbar. Höherwertige Anzüge bestehen aus Wolle, die von Tieren ist. Die darf man nicht „wie gewohnt“ waschen, weil Waschmittel, die nicht für Wolle gedacht sind, die Proteine in der tierischen Wolle zerstören. Eiweiße in Textilien sind ja normalerweise der Schmutz. Dadurch kräuseln sich die Fasern wie Locken, und das gesamte Struktur wird zerstört. Nicht bei einmal waschen, aber bei mehrmaligen. Zum Duschen nimmt ja auch Shampoo, und kein Colorwaschmittel.

    Meine Anzüge bestanden außen aus 100% Schurwolle (Schaf also). Das Innenfutter besteht aus Polyester. Damit hat das oben beschriebene Verfahren schadlos funktioniert. Ob das Innenfutter jetzt 5% oder 50% von der Anzugmasse ausmacht, ist egal. Polyester sehr unempfindlich. Plastik eben. Knittert auch wesentlich weniger als Seide, deswegen gibt es sogar Luxus-Designer-Kleider aus Polyester.

    Ich habe keinen Anzug aus Kaschmir. Daher kann ich hier keine Erfahrung zum Thema Waschen und Einlaufen geben. Meinen Kaschmirschal wasche ich gelgentlich mit Perwoll, habe aber nie gemessen, ob der dadurch eingelaufen ist. Daher gilt wie bei der erfolgreich getesteten Schurwolle: Waschen auf eigene Gefahr.

  4. Danke für den tollen Beitrag. Ich kann alles nur bestätigen, habe es selbst schonmal mit einem Jacket probiert und es hat prima funktioniert. Ein Problem mit verbundener Frage habe ich jedoch noch. Hast du schon Erfahrungen mit Flecken? Habe auf einer Anzughose ziemlich böse Überbleibsel einer größeren Party (Details möchte ich aussparen). Mit normalem Waschen gingen diese nicht heraus, hast du eine Empfehlung? Danke und freundliche Grüße!

    1. Nein, da habe ich (glücklicherweise) keine Erfahrungen mit. Leider kann ich aber deswegen auch keine Tipps geben. Wenn es mit der normalen Methode mit Wollwaschmittel nicht funktioniert, sollte man doch mal die chemische Reinigung aufsuchen. Die müßten einen da beraten können. Die machen das ja tagtäglich.

    2. Hallo,
      mit Gallseife (gibt es als Seifenstück in jedem Supermarkt oder Drogeriefachmarkt, liegt beim Waschpulver, ich würde NICHT die flüssige Version nehmen),geht so ziemlich alles raus. Den Fleck vor dem eigentlichen Waschen in der Maschine kurz mit Gallseife und einer sehr weichen Bürste oder weichen Schwamm bearbeiten, danach in die Maschine. Ich kriege damit echt alles raus!
      Am besten trotzdem an einer unauffälligen Stelle testen, ob die Farbe sich verändert!)
      Viel Erfolg
      Sgo

      1. Lustig, ich habe mit Gallseife überhaupt keine guten Erfahrungen gemacht. Absolut nutzloses Zeug. Niemals, nicht beim harmlosesten Fleck, hat Gallseife irgendetwas bewirkt. Wer es mal testen will: Hier http://goo.gl/rg0V3p gibt es das für knapp über einen Euro bei Amazon.

  5. Nachdem ich den Tipp gelesen habe, habe ich ehrlich gesagt einige Tage überlegt, ob ich es wagen soll meinen Mantel selbst zu waschen.
    Ich habe ein wunderschönen Mantel aus 100% Schurwolle zu einem Spottpreis ergattert. Der Mantel ist ein wahres Schätzchen. Den wollte ich, trotz des supergünstigen Preises, nicht ruinieren.

    Heute dann habe ich mich endlich getraut.

    Was soll ich sagen, es scheint funktioniert zu haben.
    Der Mantel wurde von mir mit dem besagten Wollwaschmittel (allerdings hatte ich nur Care&Repair da, dachte aber passt bestimmt auch) im Wollwaschgang mit 30 Grad gewaschen. Bei 500 Umdrehungen geschleudert und dann feucht bis nass auf einem Bügel aufgehängt.
    Etwas in Form gezogen noch.

    Bis jetzt sieht der Mantel topp aus, sieht auch nicht so aus, als ob er eingelaufen wäre und ganz wichtig er ist sauber und riecht jetzt auch noch gut.

    Ich werde ihn jetzt im Wäschekeller (warm durch die Heizung, die dort ist) trocken lassen und dann vorsichtig bügeln.

    Ich berichte nochmal, wie es danach ist…

    Vielen Dank schon mal für den klasse Tipp!!

  6. Flüssige Gallseife hilft bei wirklich vielen Flecken, auch das Seifenstück, aber ich finde flüssige praktischer. Was damit nicht rausgeht, geht oft mit einem der spezialisierten Fleckentferner von Beckmann raus. Anleitung befolgen und nochmal mit in die Waschmaschine. Dann gibt es auch noch Websites wie frag-mutti.de, haushaltstipps, Lifehacks auf youtube etc. Fleckverursacher und Material googeln.

  7. Sehr guter Blog. An für sich ist aber ein Gang zur Wäscherei empfehlenswert. Meine Anzüge lasse ich meistens nur trocken reinigen. Das soll laut meinem Anzugverkäufer am schonensten für das Material sein. Nur bei starker Verschmutzung sollte man auf andere Reinigungsmethoden zurückgreifen. Die vorgehensweise mit der Waschmaschine finde ich sehr interessant und funktioniert bestimmt auch. Jedoch wäre mir das Risiko, einen 400 Euro Anzug zu beschädigen, zu groß.

  8. Also ich habe jetzt mehrere Anzüge (vor allem die Hosen) nach der Anleitung „bearbeitet“ und hat wirklich super geklappt. Es genügt ein kurzes Aufbügeln nachdem trocknen im Waschraum und die sind wieder einwandfrei. Und es sind Massanzüge und sitzen nachher immer noch tiptop. Super Tip, danke dafür.

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